Ein problematischer Casabaubou

In der Problemzeilenmaschine ertränkt ein Etwas die Buchstaben. Sie werden schwer und ganz lila. Während die alten Gesichter verblassen und ihre Stimmen verwehen, sinken die Buchstaben auf den Grund des Blattes. Dort wächst ein ganzer Wald von sinnlos redenden und schweigenden Zeilen.

***

Nicht gegen das Gefühl, sondern mit dem Gefühl agieren. Das dürfte der Befreiungsschlag sein. So ist die Hoffnung. Die Hoffnung ist, dass man dieses Gefühl eingrenzt und umzingelt. Es veranschlagt an dem Aushang, damit es sich nicht mehr verstecken kann. Es darf halt nicht passieren, dass man es mit der klaren Vernunft seziert oder auch hier im Text analysiert, wo es unmerklich bereits Einzug erhalten hat, mitschwingt und seine Kreise zieht. Also nicht den Text analysieren.  Also ich sage nicht, ihn prinzipiell nicht zu analysieren. Doch das dürfte immer nur der zweite Schritt sein. Der erste ist, den Text zu schreiben.
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Ein Text in Man-Form

Heilung des Textes nicht möglich

Heute kreischt, wie jeden Tag, die Sirene der Feuerwehr von der Seestraße rüber. Schreit sie „Hilfe“ oder „Hilflosigkeit“?
„Sich-nicht-anstecken-lassen“, sagt man für sich leise bei körperlichen oder seelischen Erkrankungen des Gegenübers. Oder auch: „Ich bin immun. Wo tut‘s denn weh?“
In unserem Fall  hüllt sich der Patient in Schweigen wie ein eingekapseltes Virus und auch physisch ist er wie aufgelöst. Ob es sich wohl bei seinem Leiden um einen aus Schmerzen geborenen Parasiten handelt, der aktiv geworden ist? Oder um die Leere des Nichts, des Vielen, des Waldes und des Inmitten-dessen-Stehens, des Urschreis aus der Kehle des Künstlers und des Ertränkens desselben mit Flüssigkeiten?
Der Arzt. Wer ist der Arzt?  Auch ER beziehungsweise SIE ist gerade nicht erreichbar, falls je wirklich mit einer Absicht zu Heilen in Erscheinung getreten. Nur die Seestraße ist immer da. Sie scheint manchmal mit ihren breiten Bürgersteigen, ihrer Aufnahmebereitschaft von Passanten, ihrem ständigen Verkehr eine Venus von Willendorf zu sein. Hilfe! Man braucht auch einen Arzt. Wie kommt man denn zu solchen Assoziationen? Weiterlesen

Rückblick 2005

Wedding, ich sehe dich um vier Uhr früh!

Sie treiben es hart an ihren Grenzen, die Weddinger, die Undergroundler. Im Nebeldunst ist alles grau, aber so sehen sie sich wenigstens noch. Es ist nicht ganz dunkel und nicht zu hell. Die Sterne scheinen manchmal und manchmal nicht. Doch wen juckt’s? Eh kein schöner Ort da, von den man hoch schauen könnte. Es sei denn, man will als Romantiker gelten und tut‘s auf offener Straße.

Künstler, sagt er, Künstler sind sie, sagt er.

Kunst ist wie ein Alibi, ein Kapuzenpulli mit Popart-Aufdruck, dann aber ist Kunst auch Suff ist Fall ist Kunst.

Abends, wenn es dunkel ist, treiben sie durch die Läden.
Trinken Sternburg und rauchen.
Sehen sich fast jeden Abend und trinken Sternburg und rauchen.

Weiterlesen „Rückblick 2005“

Menschen an der Mittelpromenade

Gelegentlich gönne ich mir das zweifelhafte Vergnügen, an der Mittelpromenade zu essen. Zweifelhaft deswegen, weil es zwar bekömmlich ist, aber mit Sicherheit nicht zur gesunden Ernährung zählt. Aber das Essen ist nicht der Hauptgrund, warum ich hierher komme. Am Imbiss treffen sich die alten Weddinger, die bärbeißigen Typen, die hier geboren oder vor Ewigkeiten wegen einer Liebschaft oder eines Jobs in diesen Kiez gekommen und letztlich gestrandet sind. Sie verdienen eine Art Bewunderung dafür, dass sie sich eine Imbissbude neben einer Tramhaltestelle zum Ort ihres sozialen Lebens gemacht haben. Ab dem Mittag sitzen sie an Biertischen, picheln Schultheiss, unterhalten sich oder schauen dem Treiben der Leute zu, die, jeweils im Fünf-Minuten-Takt, in die Straßenbahnen einsteigen oder diese verlassen. Weiterlesen „Menschen an der Mittelpromenade“

Oskar und Louise

Die Seestraße ist laut wikipedia 3,2 Kilometer lang. R. behauptet etwas anderes. Es hänge davon ab, ob man die innere oder äußere Seestraße messe.

Ferner:
An ihrem südlichen Ende, dem heutigen Louise-Schroeder-Platz – ehemals: Oskarplatz – verlief die Seestraße ursprünglich diagonal weiter bis zur Letteallee. Dieses Ende wurde zu Gunsten einer übersichtlicheren Kreuzungsführung jedoch am 15. November 1957 in Reginhardstraße umbenannt. Seitdem geht die Seestraße in die Osloer über, schön geradeaus. Weiterlesen „Oskar und Louise“

Kilometer Null, RVC

Nicht nur: wie viel Verwundbarkeit und Verletzlichkeit tagtäglich diesen in vielerlei Hinsicht als bestes und modernstes Beispiel klinischer Theorie und Praxis ausgezeichneten Rudolf-Virchow-Campus unbemerkt betritt oder verlässt! Nein, wie viel ihn allein jeden Tag im Stau, in zäh-, fest- oder flüssigem Verkehr passiert! Wie viel hungrige Begeisterung, gescheiterte Trauer, bemühte Langeweile, wie viel müde Glieder und frisierte Köpfe. Wie viel unbequeme Wahrheit, wie viel unausgesprochene Sensation. Das wäre zu zählen und zu berichten. Doch dazu Weiterlesen „Kilometer Null, RVC“

Helf mir oder hilf mir

Ich verlasse das Haus in der Seestraße. Auf dem Bürgersteig tollt ein Kleinkind, dahinter folgt die Mutter. Das Kind ruft: »Mutter, hilf mir.« Die Mutter ruft: »Nee, geht nich. Ich telefoniere. Außerdem heißt es, helf mir.« Ich baue mich vor ihr auf und rufe: »Ihr Sohn hat den Imperativ benutzt. Somit hat er recht. Korrigieren Sie sich unverzüglich!«

Die Mutter zeigt mir einen Vogel und spricht Unflätigkeiten in meine Richtung.

Ich setze meinen Weg fort. Hoffentlich folgt die Mutter meiner Aufforderung oder der Junge ignoriert ihren Ratschlag. Sonst wird er künftig eine Menge Spott zu hören bekommen. Hätte der Junge »Helfe mir« gesagt, hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Wäre zwar auch nicht richtig, aber wenigstens irgendwie poetisch.

the worst of curry

Vorgestern am Currywurststand. Kommen zwei, reden auf Englisch: „Oh let’s take a Curryworst“. „Oh yes, let’s take one.“  Die Curry of Wedding ist aber auch ganz lecker,  kann ich als FAN der Bude nur bestätigen. Und der Guy auch. Er nickt anerkennend beim ersten Bissen. Sie hat sich aus Vorsicht wohl keine eigene bestellt. Probiert und nickt. Sie gehen nickend zur Ampel. Bei jedem Bissen, ein Nicken.

Nun frage ich mich, während ich auf meinem Lieblingsplatz in der Tram sitze, ob auch andere tendenziell ausländisch verwurzelte Kiezbewohner jemals eine Curryworst gegessen haben. Also wegen Schweinefleisch und so. Das ist mal wieder so ein typical Vorurteil. Nämlich, dass alle türkisch-arabischen Weddinger auch strenge Moslems seien. Das ist ja gar nicht so, vermutlich. Oder mögen Asiaten, Afrikaner the Wurst? Ich gehe bald mal auf Recherche. Ich frage sie neben ihren Currywursterfahrungen nach ihren Curryworsterfahrungen. Ich könnte mir vorstellen:  Die worst Erfahrung mit der Curry liegt in der (immer noch irritierenden) Frage: Mit Darm oder ohne? Da fällt mir ein:
Englisch: With or without bowel?/ anderes Wort für bowel = gut. Siehe leo.org.

„Please, three Curryworst for me. I am soooo hungry. Fuck!“
„With or without bowel?“
„Today, please with gut.“
„Okay. Sind aber immer jut hier. Lecker und… (Pause). Scheiße! Look! My Currywürste are burned!!!“
„Oh. They are totally black. Fuck.Shit. Doublefuck. They look like…
Ha Ha ha ha ha ha ha.“
„Ja. Ha ha ha ha ha.“
„Ha ha ha ha ha“
„Ha ha ha.“
„Ha ha.“
„Ha.“
„Ha.“
„Shit happens.“
„Ja. Ha ha ha.“
„Ha ha ha.“
„Ha ha.“
„Ha.“
(kriegt seine Schale rübergereicht)
„How do you say? Gut? Legga?….HHM.“

Schmatz. Schlürf. Schluck. NICKEN, Beiss. Schmatz. Schlürf. Schluck, NICKEN, Beiss. Schmatz…
(WHD. ca. 3x jeweils 5 Bissen lang, danach Abwischen des Mundes mit der Serviette).

Die Interview-Ergebnisse folgen demnächst.

 

(c) Silvia Witte 2017