U6Winter18

Der Mann mit dem schiefen Gesicht dreht mit schmutzigen Fingern die ganze lange U-Bahnfahrt an einem Stück Alufolie mit Tabakkrümeln drauf. Draußen wütet die Eiszeit. Sein Kopf sinkt auf die Brust. Dunkle Augen finden Halt an dem Wimmelmuster der Leerstelle gegenüber und steigen es wie eine Leiter empor. Bis zum Morgen. Achtzigtausend Stufen gefallen und geklettert.

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In Bewegung

Ein Film vom Juni 2017.
Frage: Möchtes man (:) statt der Musik authentische Geräusche hören?
Antwort: JA!
Na gut:
Hier sind sie, die Motorengeräusche, vorstellbar an der Ampel Reinickendorfer/Seestraße: PKW fährt los

Im Film beteiligt: Füße von Passanten der Seestraße aus verschiedenen Nationen.
O-Ton am Anfang: Passagier der Tram 50 auf die Frage, was ihm zur Seestraße einfällt. Ein Gedicht, also.

3,2 Fotos von der Lesung

Am 23. Juni fand im Spinner&Weber nahe der Seestraße (dem Zielobjekt) unsere Lesung statt. Als Leser ist Ray neu ins Team dazugekommen und hat uns als vierter Sprecher unterstützt! Ein ganz großer Dank an alle! Vor allem an das zahlreiche Publikum, das unter anderem den weiten Weg tief in den Wedding hinein nicht scheute. Schön, dass ihr alle da wart! Special Thanks an: Lars und Basti von Spinner & Weber, Robert Rescue und Dave Kleiren (Gastbeiträge Blog), Kerstin Wiehe (miKrOPROJEKTE) und ganz besonders Katarina Šakić (Fotografie).

Ein problematischer Casabaubou

In der Problemzeilenmaschine ertränkt ein Etwas die Buchstaben. Sie werden schwer und ganz lila. Während die alten Gesichter verblassen und ihre Stimmen verwehen, sinken die Buchstaben auf den Grund des Blattes. Dort wächst ein ganzer Wald von sinnlos redenden und schweigenden Zeilen.

***

Nicht gegen das Gefühl, sondern mit dem Gefühl agieren. Das dürfte der Befreiungsschlag sein. So ist die Hoffnung. Die Hoffnung ist, dass man dieses Gefühl eingrenzt und umzingelt. Es veranschlagt an dem Aushang, damit es sich nicht mehr verstecken kann. Es darf halt nicht passieren, dass man es mit der klaren Vernunft seziert oder auch hier im Text analysiert, wo es unmerklich bereits Einzug erhalten hat, mitschwingt und seine Kreise zieht. Also nicht den Text analysieren.  Also ich sage nicht, ihn prinzipiell nicht zu analysieren. Doch das dürfte immer nur der zweite Schritt sein. Der erste ist, den Text zu schreiben.
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drei mal was mit hasen

Erstens:

Wenn die Seestraße zum grauen Ungetüm wird, das mit der Tastatur in den Boden weggetippt werden sollte, dann- …. Derweil – ohne den Satz zu beenden – fressen zwei Hasen Gras. Eben bin ich Zeugin geworden, wie eine Frau auf einer Brücke ihre Nerven verloren hat. Sie schrie ins Telefon, dass das so nicht mehr ginge, du kommst und nimmst mein Geld, haust ab, kommst wieder, nimmst mein Geld. Ihre Worte waren ein einzelner Schrei, während die Füße das Fahrrad zertrümmerten. Am Anfang der Seestraße beim Westhafen war das. Leise schipperten die Frachtboote und die kleine weiße Yacht unter der Wütenden hinweg. Ich betrachtete den Schrotthaufen bei den Verladerampen, schaue zur ihr zurück. Da ist sie verschwunden. Es sind 30 Grad und der Wind weht sanft. Dinge passieren als Spiegel. Oder Dinge als Spiegel verstehen. Da sind sie ja, die Hasen, die ich gestern suchte und mich bei der Suche in jemanden verguckte. Ich fand die Hasen nicht. Nun sitzen zwei an ganz anderer Stelle.

Zweitens:

Wenn Wände, genauer gesagt vier oder mehrere lebendige, zum Schreckensort werden, hilft es nur, Hasen suchen zu gehen. Oder die Seestraße mit der Tastatur in den Boden zu rammen. Auch die beiden  Hinz und Kunz sterben zu lassen. Mit einem fetten Revolver ziele ich auf den ersten. Los, du maskierte Faulheit, das war‘s jetzt. Blut.  Mit dem Messer zerfetze ich den anderen.  BLUT und nochmal Tod der Arbeit.  Eine Bombe her für den Trümmerhaufen, der die Sicht blockiert. Verdammtes Gerümpel. Ich halte inne. Aus dem Höllendampf, der aus dem Gleisbrett hervorbricht, steigen dreikommazwei Hasen empor. Seestraße, du Friedhof der falsch gedachten Gefühle. Hatte man mir nicht versprochen, alles wird wieder gut?

Drittens:

Wenn Hasen wie wild Wodka trinken und Gras rauchen statt Gras zu essen und Wodka zum Einreiben müder Gelenke zu benutzen, muss man sich lustlos in die Tram 13 setzen und die kuriosen Gestalten verstohlen beobachten, die mit ihren Smartphones Fälle suchen, in denen Blattläusen erfolgreich ans Leder gegangen wurde. In dieser Zeitform klingt die Redensart übrigens nicht gut. Daraus resultiert die Aktion, gute Nachrichten in den Straßenraum zu pinnen, um die allgemeine Stimmung zu heben. Ich habe endlich ein gutes Frühstücksei hingekriegt! Leute, heute 2 Zigaretten weniger geraucht als gestern! Ein toller Tag: Habe eine Schrippe mit Salami gegessen.

Ein Text in Man-Form

Heilung des Textes nicht möglich

Heute kreischt, wie jeden Tag, die Sirene der Feuerwehr von der Seestraße rüber. Schreit sie „Hilfe“ oder „Hilflosigkeit“?
„Sich-nicht-anstecken-lassen“, sagt man für sich leise bei körperlichen oder seelischen Erkrankungen des Gegenübers. Oder auch: „Ich bin immun. Wo tut‘s denn weh?“
In unserem Fall  hüllt sich der Patient in Schweigen wie ein eingekapseltes Virus und auch physisch ist er wie aufgelöst. Ob es sich wohl bei seinem Leiden um einen aus Schmerzen geborenen Parasiten handelt, der aktiv geworden ist? Oder um die Leere des Nichts, des Vielen, des Waldes und des Inmitten-dessen-Stehens, des Urschreis aus der Kehle des Künstlers und des Ertränkens desselben mit Flüssigkeiten?
Der Arzt. Wer ist der Arzt?  Auch ER beziehungsweise SIE ist gerade nicht erreichbar, falls je wirklich mit einer Absicht zu Heilen in Erscheinung getreten. Nur die Seestraße ist immer da. Sie scheint manchmal mit ihren breiten Bürgersteigen, ihrer Aufnahmebereitschaft von Passanten, ihrem ständigen Verkehr eine Venus von Willendorf zu sein. Hilfe! Man braucht auch einen Arzt. Wie kommt man denn zu solchen Assoziationen? Weiterlesen

Rückblick 2005

Wedding, ich sehe dich um vier Uhr früh!

Sie treiben es hart an ihren Grenzen, die Weddinger, die Undergroundler. Im Nebeldunst ist alles grau, aber so sehen sie sich wenigstens noch. Es ist nicht ganz dunkel und nicht zu hell. Die Sterne scheinen manchmal und manchmal nicht. Doch wen juckt’s? Eh kein schöner Ort da, von den man hoch schauen könnte. Es sei denn, man will als Romantiker gelten und tut‘s auf offener Straße.

Künstler, sagt er, Künstler sind sie, sagt er.

Kunst ist wie ein Alibi, ein Kapuzenpulli mit Popart-Aufdruck, dann aber ist Kunst auch Suff ist Fall ist Kunst.

Abends, wenn es dunkel ist, treiben sie durch die Läden.
Trinken Sternburg und rauchen.
Sehen sich fast jeden Abend und trinken Sternburg und rauchen.

Weiterlesen „Rückblick 2005“

Menschenmassen in der Tram. Bereits in der Amrumer Ecke Seestraße. Sehr ungewöhnlich. Sie kommen vom Plötzensee. Von der Sonne und dem Schwimmen ermüdete Gesichter. Glücklich entspannt. Zerzaustes Haar. Es war heiß am Wochenende.