Vom Mann, der an Telefonkästen steht

Etwa alle zwei Wochen begegne ich ihm, wenn ich das Haus verlasse und auf den Telefonkasten schaue. Er ist hochgewachsen, trägt Sommer wie Winter einen abgewetzten Trenchcoat und einen breitkrempigen Hut. Ein wenig wirkt er wie ein elitärer Künstler, vielleicht ein Maler oder Schauspieler von Weltrang, der irgendwie kauzig erscheint. Dazu passt der Einkaufstrolley, der neben ihm steht. Es ist kein neues Modell in schillernden Trendfarben, sondern ein alter, bleicher, von der vielen Nutzung ausgebeulter Einkaufswagen. Ein Markenzeichen der alteingesessenen Weddinger. Junge Zugezogene benutzen Trolleys überhaupt nicht und wenn sie es tun würden, dann sicherlich kein Modell von 1985, das seit dieser Zeit über die Straßen des Wedding hin- und hergerollt wird.

Der Mann steht am Telefonkasten und hat ein Bier abgestellt, so als sei der Kasten ein Tresen. Sein Blick ruht nachdenklich auf dem hektischen Verkehr der Seestraße Richtung Autobahnzufahrt. Jedes Mal denke ich, dass er reihum die Telefonkästen im Kiez abklappert, bei jedem eine halbe Stunde steht und ein Bier trinkt, bevor er weiterzieht. Nach der ersten Begegnung habe ich bei Google mal „Biertrinkende Männer an Telefonkästen“ eingegeben. Ich wollte wissen, ob er ein Einzelfall ist oder ob sein Verhalten normal ist für Männer jenseits der Fünfzig, die beheimatet sind in Großstädten und als einzigen Freund womöglich den Alkohol haben. Google zeigte zwar eine Menge Treffer an, doch keiner davon hatte direkt mit einem Mann am Telefonkasten zu tun. Weiterlesen

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