Ein Text in Man-Form

Heilung des Textes nicht möglich

Heute kreischt, wie jeden Tag, die Sirene der Feuerwehr von der Seestraße rüber. Schreit sie „Hilfe“ oder „Hilflosigkeit“?
„Sich-nicht-anstecken-lassen“, sagt man für sich leise bei körperlichen oder seelischen Erkrankungen des Gegenübers. Oder auch: „Ich bin immun. Wo tut‘s denn weh?“
In unserem Fall  hüllt sich der Patient in Schweigen wie ein eingekapseltes Virus und auch physisch ist er wie aufgelöst. Ob es sich wohl bei seinem Leiden um einen aus Schmerzen geborenen Parasiten handelt, der aktiv geworden ist? Oder um die Leere des Nichts, des Vielen, des Waldes und des Inmitten-dessen-Stehens, des Urschreis aus der Kehle des Künstlers und des Ertränkens desselben mit Flüssigkeiten?
Der Arzt. Wer ist der Arzt?  Auch ER beziehungsweise SIE ist gerade nicht erreichbar, falls je wirklich mit einer Absicht zu Heilen in Erscheinung getreten. Nur die Seestraße ist immer da. Sie scheint manchmal mit ihren breiten Bürgersteigen, ihrer Aufnahmebereitschaft von Passanten, ihrem ständigen Verkehr eine Venus von Willendorf zu sein. Hilfe! Man braucht auch einen Arzt. Wie kommt man denn zu solchen Assoziationen? Weiterlesen

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Rückblick 2005

Wedding, ich sehe dich um vier Uhr früh!

Sie treiben es hart an ihren Grenzen, die Weddinger, die Undergroundler. Im Nebeldunst ist alles grau, aber so sehen sie sich wenigstens noch. Es ist nicht ganz dunkel und nicht zu hell. Die Sterne scheinen manchmal und manchmal nicht. Doch wen juckt’s? Eh kein schöner Ort da, von den man hoch schauen könnte. Es sei denn, man will als Romantiker gelten und tut‘s auf offener Straße.

Künstler, sagt er, Künstler sind sie, sagt er.

Kunst ist wie ein Alibi, ein Kapuzenpulli mit Popart-Aufdruck, dann aber ist Kunst auch Suff ist Fall ist Kunst.

Abends, wenn es dunkel ist, treiben sie durch die Läden.
Trinken Sternburg und rauchen.
Sehen sich fast jeden Abend und trinken Sternburg und rauchen.

Weiterlesen „Rückblick 2005“

Menschenmassen in der Tram. Bereits in der Amrumer Ecke Seestraße. Sehr ungewöhnlich. Sie kommen vom Plötzensee. Von der Sonne und dem Schwimmen ermüdete Gesichter. Glücklich entspannt. Zerzaustes Haar. Es war heiß am Wochenende.

Menschen an der Mittelpromenade

Gelegentlich gönne ich mir das zweifelhafte Vergnügen, an der Mittelpromenade zu essen. Zweifelhaft deswegen, weil es zwar bekömmlich ist, aber mit Sicherheit nicht zur gesunden Ernährung zählt. Aber das Essen ist nicht der Hauptgrund, warum ich hierher komme. Am Imbiss treffen sich die alten Weddinger, die bärbeißigen Typen, die hier geboren oder vor Ewigkeiten wegen einer Liebschaft oder eines Jobs in diesen Kiez gekommen und letztlich gestrandet sind. Sie verdienen eine Art Bewunderung dafür, dass sie sich eine Imbissbude neben einer Tramhaltestelle zum Ort ihres sozialen Lebens gemacht haben. Ab dem Mittag sitzen sie an Biertischen, picheln Schultheiss, unterhalten sich oder schauen dem Treiben der Leute zu, die, jeweils im Fünf-Minuten-Takt, in die Straßenbahnen einsteigen oder diese verlassen. Weiterlesen „Menschen an der Mittelpromenade“

Oskar und Louise

Die Seestraße ist laut wikipedia 3,2 Kilometer lang. R. behauptet etwas anderes. Es hänge davon ab, ob man die innere oder äußere Seestraße messe.

Ferner:
An ihrem südlichen Ende, dem heutigen Louise-Schroeder-Platz – ehemals: Oskarplatz – verlief die Seestraße ursprünglich diagonal weiter bis zur Letteallee. Dieses Ende wurde zu Gunsten einer übersichtlicheren Kreuzungsführung jedoch am 15. November 1957 in Reginhardstraße umbenannt. Seitdem geht die Seestraße in die Osloer über, schön geradeaus. Weiterlesen „Oskar und Louise“

Kilometer Null, RVC

Nicht nur: wie viel Verwundbarkeit und Verletzlichkeit tagtäglich diesen in vielerlei Hinsicht als bestes und modernstes Beispiel klinischer Theorie und Praxis ausgezeichneten Rudolf-Virchow-Campus unbemerkt betritt oder verlässt! Nein, wie viel ihn allein jeden Tag im Stau, in zäh-, fest- oder flüssigem Verkehr passiert! Wie viel hungrige Begeisterung, gescheiterte Trauer, bemühte Langeweile, wie viel müde Glieder und frisierte Köpfe. Wie viel unbequeme Wahrheit, wie viel unausgesprochene Sensation. Das wäre zu zählen und zu berichten. Doch dazu Weiterlesen „Kilometer Null, RVC“