Vom Mann, der an Telefonkästen steht

Etwa alle zwei Wochen begegne ich ihm, wenn ich das Haus verlasse und auf den Telefonkasten schaue. Er ist hochgewachsen, trägt Sommer wie Winter einen abgewetzten Trenchcoat und einen breitkrempigen Hut. Ein wenig wirkt er wie ein elitärer Künstler, vielleicht ein Maler oder Schauspieler von Weltrang, der irgendwie kauzig erscheint. Dazu passt der Einkaufstrolley, der neben ihm steht. Es ist kein neues Modell in schillernden Trendfarben, sondern ein alter, bleicher, von der vielen Nutzung ausgebeulter Einkaufswagen. Ein Markenzeichen der alteingesessenen Weddinger. Junge Zugezogene benutzen Trolleys überhaupt nicht und wenn sie es tun würden, dann sicherlich kein Modell von 1985, das seit dieser Zeit über die Straßen des Wedding hin- und hergerollt wird.

Der Mann steht am Telefonkasten und hat ein Bier abgestellt, so als sei der Kasten ein Tresen. Sein Blick ruht nachdenklich auf dem hektischen Verkehr der Seestraße Richtung Autobahnzufahrt. Jedes Mal denke ich, dass er reihum die Telefonkästen im Kiez abklappert, bei jedem eine halbe Stunde steht und ein Bier trinkt, bevor er weiterzieht. Nach der ersten Begegnung habe ich bei Google mal „Biertrinkende Männer an Telefonkästen“ eingegeben. Ich wollte wissen, ob er ein Einzelfall ist oder ob sein Verhalten normal ist für Männer jenseits der Fünfzig, die beheimatet sind in Großstädten und als einzigen Freund womöglich den Alkohol haben. Google zeigte zwar eine Menge Treffer an, doch keiner davon hatte direkt mit einem Mann am Telefonkasten zu tun. Weiterlesen

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In Bewegung

Ein Film vom Juni 2017.
Frage: Möchtes man (:) statt der Musik authentische Geräusche hören?
Antwort: JA!
Na gut:
Hier sind sie, die Motorengeräusche, vorstellbar an der Ampel Reinickendorfer/Seestraße: PKW fährt los

Im Film beteiligt: Füße von Passanten der Seestraße aus verschiedenen Nationen.
O-Ton am Anfang: Passagier der Tram 50 auf die Frage, was ihm zur Seestraße einfällt. Ein Gedicht, also.

3,2 Fotos von der Lesung

Am 23. Juni fand im Spinner&Weber nahe der Seestraße (dem Zielobjekt) unsere Lesung statt. Als Leser ist Ray neu ins Team dazugekommen und hat uns als vierter Sprecher unterstützt! Ein ganz großer Dank an alle! Vor allem an das zahlreiche Publikum, das unter anderem den weiten Weg tief in den Wedding hinein nicht scheute. Schön, dass ihr alle da wart! Special Thanks an: Lars und Basti von Spinner & Weber, Robert Rescue und Dave Kleiren (Gastbeiträge Blog), Kerstin Wiehe (miKrOPROJEKTE) und ganz besonders Katarina Šakić (Fotografie).

Ein problematischer Casabaubou

In der Problemzeilenmaschine ertränkt ein Etwas die Buchstaben. Sie werden schwer und ganz lila. Während die alten Gesichter verblassen und ihre Stimmen verwehen, sinken die Buchstaben auf den Grund des Blattes. Dort wächst ein ganzer Wald von sinnlos redenden und schweigenden Zeilen.

***

Nicht gegen das Gefühl, sondern mit dem Gefühl agieren. Das dürfte der Befreiungsschlag sein. So ist die Hoffnung. Die Hoffnung ist, dass man dieses Gefühl eingrenzt und umzingelt. Es veranschlagt an dem Aushang, damit es sich nicht mehr verstecken kann. Es darf halt nicht passieren, dass man es mit der klaren Vernunft seziert oder auch hier im Text analysiert, wo es unmerklich bereits Einzug erhalten hat, mitschwingt und seine Kreise zieht. Also nicht den Text analysieren.  Also ich sage nicht, ihn prinzipiell nicht zu analysieren. Doch das dürfte immer nur der zweite Schritt sein. Der erste ist, den Text zu schreiben.
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drei mal was mit hasen

Erstens:

Wenn die Seestraße zum grauen Ungetüm wird, das mit der Tastatur in den Boden weggetippt werden sollte, dann- …. Derweil – ohne den Satz zu beenden – fressen zwei Hasen Gras. Eben bin ich Zeugin geworden, wie eine Frau auf einer Brücke ihre Nerven verloren hat. Sie schrie ins Telefon, dass das so nicht mehr ginge, du kommst und nimmst mein Geld, haust ab, kommst wieder, nimmst mein Geld. Ihre Worte waren ein einzelner Schrei, während die Füße das Fahrrad zertrümmerten. Am Anfang der Seestraße beim Westhafen war das. Leise schipperten die Frachtboote und die kleine weiße Yacht unter der Wütenden hinweg. Ich betrachtete den Schrotthaufen bei den Verladerampen, schaue zur ihr zurück. Da ist sie verschwunden. Es sind 30 Grad und der Wind weht sanft. Dinge passieren als Spiegel. Oder Dinge als Spiegel verstehen. Da sind sie ja, die Hasen, die ich gestern suchte und mich bei der Suche in jemanden verguckte. Ich fand die Hasen nicht. Nun sitzen zwei an ganz anderer Stelle.

Zweitens:

Wenn Wände, genauer gesagt vier oder mehrere lebendige, zum Schreckensort werden, hilft es nur, Hasen suchen zu gehen. Oder die Seestraße mit der Tastatur in den Boden zu rammen. Auch die beiden  Hinz und Kunz sterben zu lassen. Mit einem fetten Revolver ziele ich auf den ersten. Los, du maskierte Faulheit, das war‘s jetzt. Blut.  Mit dem Messer zerfetze ich den anderen.  BLUT und nochmal Tod der Arbeit.  Eine Bombe her für den Trümmerhaufen, der die Sicht blockiert. Verdammtes Gerümpel. Ich halte inne. Aus dem Höllendampf, der aus dem Gleisbrett hervorbricht, steigen dreikommazwei Hasen empor. Seestraße, du Friedhof der falsch gedachten Gefühle. Hatte man mir nicht versprochen, alles wird wieder gut?

Drittens:

Wenn Hasen wie wild Wodka trinken und Gras rauchen statt Gras zu essen und Wodka zum Einreiben müder Gelenke zu benutzen, muss man sich lustlos in die Tram 13 setzen und die kuriosen Gestalten verstohlen beobachten, die mit ihren Smartphones Fälle suchen, in denen Blattläusen erfolgreich ans Leder gegangen wurde. In dieser Zeitform klingt die Redensart übrigens nicht gut. Daraus resultiert die Aktion, gute Nachrichten in den Straßenraum zu pinnen, um die allgemeine Stimmung zu heben. Ich habe endlich ein gutes Frühstücksei hingekriegt! Leute, heute 2 Zigaretten weniger geraucht als gestern! Ein toller Tag: Habe eine Schrippe mit Salami gegessen.

Seestraße O/D

Kleine Eichen lesen aus Lüderitz

Schnürs Enkel, Schusch nur

zeichnen in Ungarn

Genter Ampelpaare, berichten und

Altkleidercontainer hämmern,

Antwerpener Tauben züchten im Schillergeberg

Füchse, Reh und Rahm

Pausen, Guinea Ecke Eisprecher

freihand rudern in Licht und Hof

Kopf stehen Kinotags, Sport wetten

plötzlich in Reis enden

überholen in Lüttich

knoten und Punkten

Fahrzeugumnutz

Am achtundneunzigsten und sieben Zehen, und hier haben sie den Beweis, transportierte ein Transportiermittel (Straßenbahn) Osramhöfe nach Seestraße ein Transportiermittel (Pedalantrieb) oder Fahrzeug. Die Fahrzeugsteuerfrau schüttelte vielleicht kurz ihren Kopf aus Südwest nordöstlich, dachte aber dann gleich wieder weiter an die jederzeit bevorstehende Entbindung ihres Manfred.

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